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Wie sinnvoll ist die Buchpreisbindung?

Die Monopolkommission, die die Bundesregierung berät, fordert einmal mehr das Ende der Buchpreisbindung. Verlage, Buchhändler und Schriftsteller protestieren und werfen der Kommission Ahnungslosigkeit vor. Zu Recht. Ein Kommentar

Wie sinnvoll ist die Buchpreisbindung?

©Jumoobo / iStock

In kaum einem Land der Welt ist die Verlags- und Buchhandelslandschaft so vielfältig wie in Deutschland. Zwar haben es Kleinverlage oder Buchhändler, die mehr bieten als Bestseller und Reiseführer, mitunter nicht einfach. Doch sie können existieren. Und das ist wichtig: Denn ihr Engagement für kulturelle Pluralität abseits eines profitorientierten Massenmarktes ist unbezahlbar.

Ein Grund dafür, dass das bislang so gut funktioniert, ist die gesetzliche Buchpreisbindung. Sie sorgt dafür, dass neue Bücher überall denselben Preis haben. Egal ob beim kleinen Buchhändler um die Ecke, beim großen Filialisten oder beim Onlinehändler. Durch das System der Barsortimenter ist außerdem nahezu jeder im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) gelistete Titel binnen 24 Stunden erhältlich. Und zwar egal, wo man ihn ordert.

Buchpreisbindung stärkt kulturelle Vielfalt

Die Preisbindung ist gesetzlich verpflichtend. Das heißt: Kein Händler darf ein Buch zu einem anderen als dem vom Verlag festgesetzten Preis verkaufen. Das gilt nur für neue Bücher. Achtzehn Monate nach Veröffentlichung kann der Verlag die Preisbindung aufheben. Ein Mittel, das gern genutzt wird, um gefloppte Titel noch loszuwerden. Eine andere Option ist die Remittende. Bücher, die Mängel aufweisen, zum Beispiel weil sie beschädigt wurden, gelten nicht mehr als Neuware und dürfen vergünstigt angeboten werden. Bedauerlicherweise ist es im Buchhandel heute oft gängig, Bücher zu remittieren, um sie günstiger absetzen zu können. Eine Methode, mit der bereits jetzt stellenweise die Buchpreisbindung systematisch unterlaufen wird – und faktisch eine illegale Methode.

Es dürften auch solche Entwicklungen sein, die die Monopolkommission zu ihrem Gutachten veranlasste. Dabei ist die Haltung der Kommission, die die Bundesregierung unabhängig in Wettbewerbsfragen beraten soll, keineswegs neu. Die Kommission sieht die Buchpreisbindung als „schwerwiegenden Markteingriff“, der Wettbewerb verhindert. In dieser Haltung zeigt sich die sture Marktgläubigkeit, die längst weitgehend widerlegt ist. Die Annahme, ein freier Markt und das System von Angebot und Nachfrage würden es schon richten, hat sich oft genug als falsch erwiesen.

Verleger und Autoren kritisieren Monopolkommission

Dementsprechend heftig ist der Gegenwind, der seither der Monopolkommission entgegenschlägt. Helge Malchow, Verleger beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, bezeichnet die Annahmen der Monopolkommission im Deutschlandfunk als „hanebüchen“ und „Schnapsidee allererster Ordnung“. Er warnt davor, dass die Abschaffung der Buchpreisbindung nur den großen Ketten helfen würde. Man kann das so interpretieren, dass der Vorschlag der Monopolkommission gerade die Gefahr von Monopolbildungen erhöhen würde. Ähnlich reagierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und sagte, der Vorschlag mache sie „fassungslos“. Schriftstellerin Nina George warnt im Deutschlandfunk vor einer Einschränkung der Vielfalt.

Der Tenor ist klar: Die komplette Buchbranche und ebenso die Politik lehnen, erneut, den Vorstoß der Monopolkommission ab. Und das aus guten Gründen. Man muss sich ernsthaft fragen, wie die Damen und Herren der Kommission zu ihrer Haltung kommen. Liegt es daran, dass sie gar nicht so unabhängig sind, wie sie sein sollten? Oder daran, dass sie weder die Buchbranche noch die Bedeutung literarischer Vielfalt verstanden haben? Zu ihrer Entlastung möchte ich mal Letzteres annehmen, was nicht weniger unvorteilhaft für Kompetenz und Existenzberechtigung der Kommission ist.

Ein Blick in Länder ohne Buchpreisbindung zeigt deutlich, welchen Effekt die Maßnahme hätte: Sowohl Kleinverlage als auch kleinere Buchhändler würden reihenweise verschwinden, die Vielfalt würde empfindlich getroffen. Profitieren würden große Ketten wie Thalia oder Onlinehändler wie Amazon. Amazon macht der Branche heute schon zu schaffen. Buchhändler verlangen üblicherweise 30 bis 40 Prozent vom Verkaufspreis als Marge. Amazon nimmt inzwischen 55 Prozent, wie Verleger bestätigen. Hier wird die eigene Marktmacht, die vor allem auf der Bequemlichkeit der Kunden basiert, gnadenlos ausgenutzt. Die Buchpreisbindung schützt eben davor, dass einzelne große Player Macht und Geld zu ihren Gunsten einsetzen und die Vielfalt beschneiden können.

Ende der Buchpreisbindung würde Marktmacht weniger Konzerne stärken

Würde nun die Preisbindung fallen, könnten Amazon und große Ketten Bücher so lange verramschen, bis ein Großteil der kleinen Händler vom Markt gedrängt wären. Die Verlage würde dieser Preiskampf ebenfalls massiv treffen, sie müssten noch mehr auf schnell umsetzbare und austauschbare Bestsellerware setzen und wären immer weniger in der Lage, Nischenliteratur wie beispielsweise Lyrik oder anspruchsvolle Übersetzungen querzufinanzieren. Die Vielfalt am deutschen Buchmarkt würde binnen sehr kurzer Zeit zusammenbrechen.

Und selbst das Argument, dass die Endkunden dann ihre Bücher günstiger bekämen, ist ein Irrglaube. Denn langfristig würden gerade die begehrten Bestseller deutlich teurer – weil es möglich wäre, aus ihnen eine höhere Rendite rauszuquetschen. Für den großen Händler, nicht für Verlage und Autoren.

Dass die Monopolkommission hier derart heftigen Widerspruch erntet, lässt hoffen. Mein Alternativvorschlag wäre übrigens die Abschaffung der Monopolkommission. Oder wenigstens die Bitte, sie möge sich auf jene Dinge konzentrieren, von denen sie etwas versteht. Kultur gehört offensichtlich nicht dazu.

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