Berufsunfähigkeit

Berufsunfähigkeitsversicherung – bald nur noch für Reiche?

Die Senkung des Garantiezins‘ ist beschlossene Sache. Bundesrat und Bundestag haben das Lebensversicherungsreformgesetz im Juli dieses Jahres verabschiedet. Ab 2015 wird der Garantiezins auf Lebensversicherungen gerade noch 1,25 % betragen, das hat auch Folgen für die Beiträge der Berufsunfähigkeitsversicherung.

Rund jeder Vierte wird im Laufe seines Arbeitslebens berufsunfähig. In den meisten Fällen sind psychische Erkrankungen wie Burnout der Grund.

Der langsame Niedergang der Lebensversicherung hat sich über Monate hinweg beobachten lassen. Dass das einst beliebteste Vorsorgemodell der Deutschen inzwischen ausgedient hat, mag daher kaum verwundern. Dass aber der sinkende Garantiezins auch Auswirkungen auf die Versicherung bei Berufsunfähigkeit (BU) hat, ist vielen nicht bekannt. Wie groß das Ausmaß dieses Einflusses ist, zeigt eine Musterrechnung des Finanzdienstleisters MLP, die deutlich macht, dass die Beiträge für eine BU-Versicherung in Abhängigkeit vom Alter der Versicherten und dem Versicherungszeitraum im kommenden Jahr zum Teil immens steigen werden. Es gilt der Grundsatz: Je länger der Versicherungszeitraum ist, umso höher die Steigerung der Prämien.

Beispielrechnung: Wer ab 2015 eine BU-Versicherung abschließt, bei der er im Leistungsfall 1.000, – €/Monat bezieht und das bis zum Alter von 67 Jahren, der muss bei einem Eintrittsalter von 25 Jahren mit einer Prämienerhöhung von 6,7 % rechnen (s. Tabelle). Noch höher fällt die Steigerung aus, wenn der Vertragsumfang erhöht wird, beispielsweise mit einer garantierten jährlichen Rentensteigerung um 3 %.

  Standard Mit garantierter Rentensteigerung (3 %)
Eintrittsalter Erhöhung der Prämie Erhöhung der Prämie
25 6,7 % 6,9 %
30 5,7 % 5,9 %
35 4,8 % 4,9 %
45 2,9 % 3 %
    Quelle: MLP Finanzberatung

 

Grund für diese Steigerung ist die Senkung des Garantiezins‘ von aktuell 1,75 % auf gerade mal 1,25 % ab Januar 2015. Denn um im Falle einer BU die erforderlichen Leistungen bringen zu können, bauen Versicherer ein Finanzpolster auf, indem der Kapitalstock mit dem Garantiezins verzinst wird. Fällt dieser Zins sehr niedrig aus, ist die logische Konsequenz die Anhebung des Beitrags.

Warnung vor Aktionismus

Zwar wird die Beitragssteigerung vor allem für Neukunden spürbar werden, doch warnen Experten vor Aktionismus und dem übereilten Abschluss einer BU-Versicherung. Sicherlich ist die absehbare Erhöhung der Prämien ein gutes Argument für einen schnellen Abschluss, doch kann ein voreilig abgeschlossener Vertrag immense Kosten mit sich bringen. Wie fast alle Verträge beinhalten auch die Verträge einer BU-Versicherung schier endlos scheinendes Kleingedrucktes, sich damit auseinanderzusetzen und obendrein noch mehrere Anbieter miteinander zu vergleichen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Und ein Vergleich der unterschiedlichen Anbieter ist auf jeden Fall zu empfehlen, da es deutliche Unterschiede bei den Leistungen, Abschlussklauseln und der Beitragshöhe der Policen gibt. Ein teurer Anbieter verlangt bis zum Dreifachen dessen, was beim günstigsten Anbieter anfällt. Aufgrund der komplexen Verträge empfiehlt es sich auch grundsätzlich in einen unabhängigen Experten zu investieren und sich ausführlich beraten zu lassen.

Vor allem für diejenigen, die besonders von der Gefahr einer BU betroffen sind, bedeutet ein sorgfältiger Vergleich bares Geld. Denn wer zu den gefährdeten Berufsgruppen gehört, kann  nur gegen Zahlung eines hohen, monatlichen Aufschlags eine Police bekommen.

Letztlich gilt: Wer ohnehin den Abschluss einer BU-Versicherung geplant hat, fährt am besten, wenn er noch in diesem Jahr einen Vertrag abschließt. Alle anderen sollten sich von der absehbaren Prämiensteigerung nicht zu kopflosen Vertragsabschlüssen hinreißen lassen.

Risiko der Berufsunfähigkeit wird unterschätzt

Doch warum eigentlich überhaupt mit dem Thema BU auseinandersetzen? Nicht wenige stellen sich die Frage, ob eine BU-Versicherung nicht zu eben jenen Versicherungen zählt, mit denen findige Geschäftsleute den Verbrauchern Geld aus der Tasche ziehen wollen. Tatsache ist jedoch: Jeder Vierte wird im Laufe seines Arbeitslebens berufsunfähig; dieses Risikos sind sich nur wenige bewusst. Gerade mal 17 Mio. der 42 Mio. Erwerbstätigen in Deutschland haben sich gegen BU abgesichert.

Berufsunfaehigkeit-haeufigste-Ursachen-in-Deutschland-2013

Die Statistik zeigt die fünf häufigsten Ursachen für Berufsunfähigkeit in Deutschland im Frühjahr 2013.

Doch eine BU bringt nicht nur gesundheitliche Probleme mit sich, sondern leider so gut wie immer auch finanzielle Schwierigkeiten. De facto zählt BU zu den wichtigsten Armutsrisiken, die Rentenhöhe bei Erwerbsminderung belief sich im Jahr 2013 mit durchschnittlich 634, – € auf einen so niedrigen Betrag, dass die meisten der Bezieher zusätzlich auf Leistungen aus der Grundsicherung angewiesen waren.

Staatliche Förderung – ein Flop

Die Bundesregierung hat inzwischen die Brisanz des Themas erkannt und versucht seit Beginn 2014 mit staatlichen Mitteln des Problems Herr zu werden. Doch seit Einführung dieser staatlichen Förderung ist nicht viel passiert. Grund sind die strengen Anforderungen des Gesetzgebers an eine förderfähige Police. Kaum ein Versicherer wagt das finanzielle Risiko, eine solche Police anzubieten. Mit das größte Hindernis stellt die Forderung einer lebenslänglichen BU-Versicherung dar. Im Normalfall werden die Versicherungen bis zum Erreichen des Rentenalters gezahlt, der Anspruch der Regierung geht jedoch dahin, dass eine BU-Versicherung lebenslänglich ausgezahlt werden soll. Experten des MLP schätzen, dass diese Leistung nur möglich ist, wenn die Versicherungsprämie verdoppelt oder gar verdreifacht würde – dass eine BU-Police damit für den Großteil der Erwerbstätigen unerschwinglich wird, muss wohl kaum erwähnt werden. Die logische Folgerung daraus ist auch, dass Gering- oder Normalverdiener von einer staatlichen Förderung kaum profitieren können und das Konzept erst für die hohen Einkommensgruppen mit persönlichem Steuersatz wirklich interessant wird. Da stellt sich unweigerlich die Frage, wie sehr das im Sinne des Gesetzgebers ist …

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