Teuerungsrate: Stimmen die offiziellen Zahlen?
Monat für Monat errechnet das Statistische Bundesamt in Berlin mittels des sogenannten Verbraucherpreisindex die aktuelle Inflations- bzw. Teuerungsrate. Die Verbraucher haben das Gefühl, dass die Zahlen nicht stimmen, viele glauben, die Teuerung sei höher als offiziell verkündet. Und sie haben Recht mit diesem Gefühl.
von Gerrit Wustmann
© monticelllo/thinkstock

Das liegt zum einen daran, dass die Zusammensetzung des individuellen Warenkorbes stark vom repräsentativen Warenkorb (der der Messung zugrunde liegt) abweichen kann, zum anderen an den verzerrten Werten, die entstehen, weil bei der Berechnung Logikfehler einfließen. Im August 2014 lagen die Verbraucherpreise laut Statistischem Bundesamt 0,8 % über dem Wert vom August 2013. Das weist auf eine sehr moderate, ja unterdurchschnittliche Inflationsrate hin. Nichts, was man im privaten Budget sonderlich spüren würde, selbst wenn man wenig Geld zur Verfügung hat. Warum haben trotzdem so viele Menschen das Gefühl, dass alles immer teurer wird und ihnen zum Leben immer weniger Geld zur Verfügung steht?

Repräsentativer Warenkorb?

Das Problem ist der Warenkorb, der dem Verbraucherpreisindex zugrunde liegt, und der alle fünf Jahre aktualisiert wird. In ihn fließen rund 300.000 Produkte ein, deren aktuelle Durchschnittspreise bundesweit regelmäßig ermittelt werden, aufgeteilt in folgende Kategorien:

  1. Nahrungsmittel und Getränke
  2. Alkohol und Tabak
  3. Bekleidung und Schuhe
  4. Miete, Wasser, Strom, Heizung
  5. Möbel
  6. Gesundheit
  7. Verkehr
  8. Nachrichtenübermittlung
  9. Freizeit, Unterhaltung und Kultur
  10. Bildung
  11. Hotel- und Gaststättendienstleistungen
  12. Sonstiges

Wer ein entsprechendes Budget hat und regelmäßig viele dieser Waren und Dienstleistungen in Anspruch nimmt, der kommt der offiziellen Inflationsrate sehr nah. Je weniger Geld aber zur Verfügung steht (etwa bei Arbeitslosen oder Geringverdienern, die immerhin über zehn Millionen Menschen in Deutschland ausmachen), desto höher die individuelle Inflationsrate. Das liegt am individuellen Warenkorb. Bei Geringverdienern machen Posten wie Miete, Strom und Heizung oft schon über die Hälfte des verfügbaren Nettomonatseinkommens aus. Gerade diese Posten werden aber stetig teurer. Die durchschnittlichen Strompreise zum Beispiel haben sich in den letzten fünfzehn Jahren fast verdoppelt. Die Heizpreise sind um gut ein Drittel gestiegen, je nachdem, womit man heizt. Auch für Raucher ist die Inflation spürbar. Durch die stetig erhöhten Steuern auf Tabak sind die Preise in den letzten fünfzehn Jahren um gut 100 % gestiegen. Und auch bestimmte Nahrungsmittel sind teurer geworden, bei anderen schwanken die Preise immer wieder stark. Wer wenig Geld hat, kann also durchaus auf eine jährliche individuelle Inflationsrate von 10 % und mehr kommen. Das Statistische Bundesamt gibt mit einem speziellen Rechner die Möglichkeit, die individuelle Teuerung annäherungsweise zu berechnen, indem man selbst bestimmen kann, welche Kategorien wie stark gewichtet werden.

Logikfehler in der Berechnung

Ein anderer Kritikpunkt ist die so genannte „hedonische Preisberechnung“, die sich in erster Linie auf Elektronik bezieht. Zwar fließt in die Berechnung ein, dass man Computer, Tablet oder Fernseher nur alle paar Jahre kauft. Zum anderen ist es Fakt, dass anspruchsvolle Technik immer günstiger wird. Aber das Statistische Bundesamt, vergleicht nicht nur, was ein Computer vor zwanzig Jahren kostete und was er heute kostet, sondern lässt auch noch die Leistungssteigerung der Geräte mit einfließen. Das führt zu einer Verzerrung des Ergebnisses. Zwar ist es richtig, dass man heute für weniger Geld deutlich mehr Leistung bekommt als früher. Ausschlaggebend ist aber das Loch, das ein Computer heute im Portemonnaie verursacht. Moderne und ältere Technik auf Preisbasis zu vergleichen ist ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Durch diese Rechenmethode wird die Teuerungsrate bestimmter Produkte künstlich niedrig gehalten. Die Realität sieht anders aus.

von Gerrit Wustmann
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