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Sturmchaos in Deutschland: Danke, Friederike

Friederike wütet im ganzen Land. Der Sturm wirft Bäume um und legt den kompletten Zugverkehr lahm. Das Land steht Kopf, alle rasten aus. Warum eigentlich? Wir brauchen mehr Gelassenheit. Ein Kommentar

Sturmchaos in Deutschland: Danke, Friederike

©kulkann / iStock

„Ich hasse Friederike“, sage ich irgendwann gegen Mittag zu einem Kollegen am Telefon. Wir telefonieren, um einen Termin zu vertagen. Er sitzt in Köln im Büro und meint: „Hier stürmt gar nichts.“ Bei mir hingegen, im Kölner Speckgürtel: Es heult ums Haus, Bäume biegen sich bedrohlich, Vögel versuchen verzweifelt, irgendwo halt zu finden, auf meinem Balkon begibt sich der Aschenbecher auf Reisen. Und alle paar Minuten Sirenen. Umgestürzte Bäume, vermute ich. Schon der Sturm vor zwei Wochen hat es geschafft, das Dach der örtlichen Sparkasse abzudecken.

Ich rufe eine weitere Kollegin an, um unseren 16-Uhr-Termin zu vertagen. Sie lacht. Sitzt in Sankt Augustin fest. Und hat keinen Schimmer, wann oder wie sie von dort weg kommen soll. Ich lege auf und öffne die Bahn-App. Alles verspätet. Noch habe ich Hoffnung. Im Laufe des Nachmittags soll Friederike sich von Dannen machen. Das wäre gut. Dann würde wenigstens die Verabredung zum Abendessen noch hinhauen. Ich widme mich einigen ungeplanten Arbeiten im Home Office, um die Zeit sinnvoll zu füllen und werfe nebenbei immer mal wieder einen Blick auf die Bahn-Website. Im Garten scheppert irgendwas. Ich will gar nicht so genau wissen, was es ist. Das kurz darauf folgende „Klong“ klingt aber sehr nach Mülltonne.

Und dann kommt’s: Bahnverkehr in NRW eingestellt. Bahnverkehr im ganzen Land eingestellt. Bahnverkehr in NRW wird erst morgen wieder aufgenommen. Ich checke Facebook, Twitter und ein paar Nachrichtenseiten. Alle drehen am Rad. In den Foren wird wieder Gülle ausgeschüttet. Mal sind die Flüchtlinge Schuld, mal ist es Friederike, die Deutsche Bahn sowieso immer. Irgendwer muss von morgens bis abends halt als Frustventil der Zukurzgekommenen herhalten. Business as usual.

Ok,zugegeben: Dass ich das Abendessen absagen muss, wurmt mich. Ich hatte mich drauf gefreut. Aber es läuft ja nicht weg. Wird das halt vertagt. Für irgendwas wird das schon gut sein. Ich lehne mich zurück und blicke auf die kahle Weide im Garten, die sich im Wind biegt und ächzt. Die zwei unzertrennlichen Elstern versuchen, auf ihrem Lieblingsast Halt zu finden. Klappt nicht so ganz. Aber der Baum ist stabil. Er pfeift Friederike was. Das tue ich jetzt auch.

Ich koche einen Kaffee und arbeite liegengebliebenen Kleinkram ab, pflege ein paar offene Beiträge ins Redaktionssystem ein, setze eine außerplanmäßige Skype-Konferenz mit einem Kollegen am anderen Ende der Welt an. Trinke noch einen Kaffee. Drehe die Heizung auf. Überlege mir, dass ich später das Buch fertiglesen werde, das auf meinem Nachttisch liegt. Und vielleicht sehe ich mir einen Film an. Es wird ein gemütlicher Abend. Man muss nicht immer durch die Gegend hetzen. Es ist ganz gut, wenn uns die Natur mal einen Strich durch die Rechnung macht und uns vor Augen führt, wie abhängig wir von Technik und Mobilität sind, deren andauernde Verfügbarkeit wir in unserem Übermut erwarten.

Es kann auch schön sein, wenn Pläne durchkreuzt werden, wenn Unerwartetes den Alltag durchbricht, wenn wir mal etwas nicht beeinflussen können und all die Technik uns keinen Millimeter weiterhilft. Morgen ist auch noch ein Tag. Und überhaupt: Ich wollte schon immer mal einen Sturmkommentar schreiben. In diesem Sinne: Danke, Friederike!

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