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Streik bei der Bahn: Na endlich!

Kurz vor Weihnachten will die Eisenbahner-Gewerkschaft streiken – und zieht den Ärger der Bahnkunden auf sich. Unser Redakteur sieht es gelassen – und wünscht den Streikenden viel Erfolg. Ein Kommentar.

Streik bei der Bahn: Na endlich!

©BalkansCat / iStock

Ich habe eine Woche voller Termine vor mir. Um rechtzeitig zu diesen Terminen zu kommen bin ich auf die Bahn angewiesen, sowohl auf den Nah- als auch auf den Fernverkehr. Auf Verspätungen bin ich eingestellt. Durch das jahrelange Missmanagement auf der Führungsebene liegt die Pünktlichkeit derzeit offiziell bei nur noch 73,9 Prozent. Rechnet man weniger großzügig als es die PR-Abteilung der Bahn tut, kommt man auf eine noch deutlich schlechtere Quote. Es ist ein Armutszeugnis. Ausgetragen wird das auf dem Rücken der Kunden und der Beschäftigten.

Eisenbahner fordern 7,5 Prozent mehr Lohn

Nun kündigt die Gewerkschaft der Eisenbahner einen Streik für Montagmorgen an. Wahrscheinlich werde ich aufs Taxi ausweichen müssen, zur Sicherheit teile ich trotzdem allen Beteiligten mit, dass ich mich möglicherweise verspäte. Ich ärgere mich – allerdings nicht über die Gewerkschaft oder die Bahnmitarbeiter, die 7,5 Prozent mehr Lohn fordern, während ihr Arbeitgeber ihnen 5,1 Prozent über eine Laufzeit von 29 Monaten anbietet – also kaum einen Inflationsausgleich.

Nein, ich ärgere mich über die Versager, die dieses Unternehmen führen, die jährlich beträchtliche Boni einsacken für die lausige Arbeit, die sie abliefern, während sie bei jenen, die die eigentliche Arbeit machen, die Kosten zu drücken versuchen. Bei jenen, die ohnehin heillos unterbesetzt sind, weil das Personal in den letzten Jahren immer das erste war, woran gespart wurde.

Und was ärgert mich noch mehr? Dass im Netz, in den Kommentarspalten und den sozialen Medien auf die Falschen eingedroschen wird – nämlich auf die Streikenden. Dabei gibt es in Deutschland nicht zu viele, sondern zu wenige Streiks. Nicht zuletzt, weil die meisten Großunternehmen es geschafft haben, Mitarbeitervertretungen entweder ganz zu unterbinden, ins Abseits zu drängen oder einzuhegen und handzahm zu machen. Das Land debattiert über Ungleichheit, die wachsende Lohn-Unterschicht, Altersarmut und Mindestlöhne. Aber sobald jemand das Heft in die Hand nimmt, um etwas an diesen Missständen zu ändern ist ihm der Groll der Allgemeinheit sicher. Denn die ist zwar theoretisch für mehr Gerechtigkeit, will dabei aber auf gar keinen Fall nass gemacht werden. Noch so ein Trauerspiel. Aber eines, das zeigt, wie gut die Mechanismen des durchkapitalisierten Marktes greifen.

Die Bahn kann sich höhere Löhne leisten

Fakt ist: Die meisten Unternehmen in diesem Land können es sich problemlos leisten, ordentliche Löhne zu zahlen und die Löhne um mehr als nur den Inflationsausgleich wachsen zu lassen. Die Gewinne der Wirtschaft kennen seit Jahren nur den Aufwärtstrend. Ein maßgeblicher Grund dafür sind neben den optimalen Bedingungen der Binnen- und Außenwirtschaft auch die Schwächen der Arbeitnehmervertretungen und die Bequemlichkeit der Endkunden, die sich um die Verhältnisse der Arbeitnehmer nicht scheren, solange es ihnen selbst einigermaßen gut geht. Anstatt sich solidarisch zu zeigen brodelt der Neidkomplex, sobald es jemandem gelingt, etwas für sich zu erkämpfen.

In diesem Sinne: Egal, ob ich morgen pünktlich ans Ziel komme oder nicht, ich drücke den Eisenbahnern die Daumen, dass sie ihre Forderungen durchsetzen können – und dass sie sich von Missgunst, Nörglern und Miesepetern in der ersten und zweiten Klasse nicht den Tag versauen lassen!

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