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Immer Ärger mit … Weihnachten

Seit Sommer kann man überall Weihnachtsgebäck kaufen. Draußen scheint die Sommersonne, aber in den Schaufenstern rieselt schon der Schnee. Kein Wunder, dass unser Redakteur das liebste Fest des Einzelhandels schon seit Jahren boykottiert. KOLUMNE

Immer Ärger mit … Weihnachten

©AlexRaths / iStock

Als ich im Oktober einen Supermarkt betrat, dachte ich: Oh, schon wieder Weihnachten. Das ging ja schnell! Sterne, Weihnachtsmänner, Zimtgebäck, Lebkuchen und derlei mehr buhlten um meine Aufmerksamkeit. Oder genauer: Um mein Geld. Kauf mich! schrien sie. Kauf mich jetzt, bevor es zu spät ist! Wenn du jetzt nicht zugreifst, gehst du Ende Dezember leer aus!

Weihnachten bei 20 Grad

Um das idyllische Bild abzurunden, schien draußen die Sonne vom Himmel, es waren rund 20 Grad, ich war im T-Shirt unterwegs. Fast wäre ich in Versuchung geraten, nach Hause zurück zu sprinten, mich in Schal und Wintermantel zu werfen und so ausstaffiert zurückzukehren, nur um ins richtige Feeling zu kommen. War mir aber dann doch zu schweißtreibend, die Vorstellung. Mal im Ernst: Was sind das für Menschen, die mitten im Sommer Lebkuchen und Marzipankugeln kaufen? Kaufen die das Zeug auf Vorrat, weil sie tatsächlich fürchten, sonst könnten am Heiligabend die Fressteller leer bleiben? Oder essen sie das wirklich zu dieser unweihnachtlichen Jahreszeit? Und fragen sie sich dabei wenigstens: Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?

Das fände ich beruhigend. Beunruhigend finde ich, dass gestern der 1. Advent war. Ist Ihnen auch nicht aufgefallen, oder? Zugegeben, ich hab es nur deshalb gemerkt, weil ich es mir im Kalender markiert habe, um die Kolumne nicht zu vergessen. Aber seit im Hochsommer schon Weihnachten beginnt, hab ich das Anfang Dezember schon so durch, dass ich längst beim Ostereier-Sammeln bin. Wie sehr die Einzelhandelsterroristen das Zeitgefühl der Menschen diktieren, merke ich Jahr für Jahr, wenn Teile der Familie schon im November damit beginnen, das Fest zu planen. Da wird dann rumgefragt, wer denn wann kommt und was man denn essen möchte, und jedesmal denke ich: Ihr fragt mich jetzt ernsthaft, was ich in zwei Monaten essen will? Verflucht, ich hab heute keinen Schimmer, was ich morgen essen möchte. Kocht doch einfach irgendwas, im Zweifelsfall bleibe ich ohnehin nicht bis zum Abendessen.

Glühwein aus dem Tetrapack

Ja, ich gestehe es, Schande über mein Haupt: Ich hasse Weihnachten. Ich würde es komplett boykottieren, wenn ich einen Weg finden würde, auch ohne größeres Theater und tiefgreifende Kränkungen zu verursachen, die zähneknirschenden familiären Pflichtbesuche zu umgehen. Und dabei mochte ich Weihnachten wirklich, als ich noch Kind war. Als das alles wirklich erst im Dezember losging. Gut, die Familienbesuche waren damals schon ein Graus. Da hocken dann zahllose Leute auf einem Fleck, die sich alle untereinander irgendwie nicht abkönnen, und natürlich führt das zu nichts Gutem. Aber davon abgesehen war die Atmosphäre immer nett, und als Kind findet man sowas eh furchtbar spannend. Man schlägt sich den Bauch mit Zuckerpampe voll, nörgelt Oma und Opa ein großzügiges Extrataschengeld aus der prallen Brieftasche und bedankt sich, indem man sie später mit Schneebällen bewirft. Ach, Schnee, das ist ja auch nicht mehr inzwischen…

Heute findet Weihnachten bei Amazon statt. Am Black Friday fangen alle wie die Bekloppten an, Unmengen Geld für irgendwelchen Tinnef rauszupfeffern, aus Angst, was zu verpassen, und am Ende landet unter jedem Weihnachtsbaum im Land das selbe Gedöns, das sofort nach den Festtagen schon deshalb nur noch die Hälfte kostet, weil alle schleunigst versuchen, es umzutauschen. Und da meckere noch mal jemand über die Zeiten, in denen Tante Erna mit einem selbstgestrickten Pulli angedackelt kam. Der sah zwar scheiße aus, war aber mit Liebe gemacht, nicht mit Rabattkatalog. Um das Elend in den überfüllten Innenstädten ertragen zu können, schüttet am sich auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein aus dem Tetra Pack für sechs Euro die Tasse in den Schädel und steckt heimlich die Tasse ein – es gibt Leute, die glauben dann sie seien gewitzt und hätten nen guten Deal gemacht.

Aber wer Weihnachten lieb behalten und nochmal so wie damals erleben möchte: Kein Problem. Geht. Erfordert nur ein wenig Selbstdisziplin. Man muss sich ab spätestens Mitte Oktober bis Mitte Dezember Urlaub nehmen. Vorher die Vorratskammer gut füllen, denn vor die Tür gehen darf man nicht mehr, sonst ist die Illusion, Weihnachten sei etwas, das zu ganz bestimmten Zeiten zum Jahresende hin stattfindet, im Sack vom Nikolaus.

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