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Immer Ärger mit … Schnäppchen

Jeden Tag flattert unserem Redakteur ein neues Blatt mit Schnäppchen-Angeboten in den Briefkasten, nirgends kann er einkaufen, ohne mit Rabatten traktiert zu werden. KOLUMNE

Immer Ärger mit … Schnäppchen

©IGraDesign / iStock

Auf meinem Briefkasten klebt eine nicht ganz unwichtige Notiz: „Keine Werbung“ steht darauf. Kürzlich habe ich einen weiteren Sticker hinzugefügt: „Keine Bild-Zeitung“. Zumindest Letzteres funktioniert. Die geistigen Ergüsse von Julian Reichelt und seiner Crew bleiben mir seither erspart und ich habe zumindest alle paar Monate weniger Altpapier. Das mit der Werbung funktioniert mal so, mal so.

Mein Briefkasten fühlt sich beschmutzt

Ganz schlimm war es im letzten Bundestagswahlkampf. Parteiwerbung scheint gegen den Sticker immun zu sein. Nach dem Einwurf eines AfD-Flyers fühlte sich mein Briefkasten ernsthaft beschmutzt. Er hat seither regelrecht Angst vor unverlangten Aus- und Einwürfen. Aber meist bleibt es vergleichsweise harmlos, auch wenn es nervt. Die Briefträger der Post halten sich an die Weisung – sicher auch, weil sie Ärger bekommen, wenn es zu viele Beschwerden hagelt. Die Leute hingegen, die für ein paar Euro die Werbeblättchen von Discountern, Restaurants und lokalen Händlern verteilen, scheren sich nicht darum. Sie sind froh, je schneller sie das Zeug loswerden. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Irgendwie müssen sie ja versuchen, auf den Mindestlohn zu kommen, wenn sie nicht nach Zeit, sondern nach Menge bezahlt werden. Was im Grunde eine rechtliche Grauzone ist. Aber es kontrolliert ja niemand…

Anyway, ich kann sie einfach nicht mehr sehen, all die kotzbunten Blätter, Hefte und Flyer, die mir irgendwelchen Tinnef andrehen wollen und regelmäßig mit vermeintlichen Rabatten werben. Das nervt genauso, wie die schreienden Schnäppchenbanner an Matratzen- und Möbeldiscountern, die mir vorgaukeln wollen, die durchgestrichenen Mondpreise hätten auch nur entfernt einen Bezug zur Realität.

Rabatte und Schnäppchen: Der älteste und zweifellos dümmste Trick des Konsumismus. Man macht ein paar Produkte billiger, bewirbt diese heftig und hebt zugleich die Preise von nicht beworbenen Produkten an. Denn man weiß: Der depperte Verbraucher kommt der Schnäppchen wegen in den Laden, ist stolz, weil er glaubt, ein paar Cent gespart zu haben und packt währenddessen den Einkaufskorb mit Zeug voll, das er gar nicht kaufen wollte. Es ist Küchenpsychologie. Und sie funktioniert. Zum verzweifeln.

Kollektive Rechenschwäche

Die Leute kaufen Minipackungen, die doppelt oder dreimal so teuer sind wie die entsprechende Menge in großen oder normalen Packungen. Sie freuen sich wie blöde, wenn irgendwo mal wirklich ein Preis ins bodenlose fällt – dass das zulasten der Angestellten, der Hersteller, der gesamten Lieferkette geht, ist ihnen egal. Wir leben in einer Zeit, in der man ernsthaft mit dem Spruch „Einkaufen und Geld sparen“ werben kann. Völlig irre! Geld spart man nicht beim Einkaufen, sondern nur, wenn man nicht einkauft.

Es gibt Leute, die sich fünf Handyverträge mit 24 Monaten Laufzeit ans Bein hängen, weil es das allerneuste Smartphone „kostenlos“ dazu gibt. Es gibt Leute, die für zehn Euro nach Malle fliegen und dann heulen, weil ihr Gepäck extra kostet und man ihnen unterwegs einen weiteren Zehner für ein labberiges Sandwich abknöpft. Es gibt Leute, die alles für ein paar Euro weniger im Internet bestellen und dann dusselig aus der Wäsche schauen, wenn vor Ort der Einzelhandel dicht macht. Es gibt Leute, die Stunden damit verbringen, Rabatte in Prospekten zu sondieren und dann den halben Tag lang im Auto sitzen um acht Supermärkte abzuklappern (zwischendurch wird natürlich getankt). Es scheint mitunter, als leide Deutschland an einer kollektiven Rechenschwäche.

Jedes Mal, wenn so ein Schnäppchen-Gedöns wieder den Weg in meinen Briefkasten gefunden hat, möchte ich einen Moment lang innehalten und innerlich zusammenbrechen. Aber ich tue es nicht. Weil ich diese Nachbarin habe, die sich über jede Rabattmarke diebisch freut. Im Grunde weiß sie, dass sie sich damit selbst bescheißt. Hat sie mal unter vier Augen eingestanden. „Aber es macht mir Spaß“, fügte sie mit leuchtenden Augen hinzu und beugte sich über den nächsten Flyer.

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