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Immer Ärger mit … Lieferdiensten

In der schönen neuen digitalen Welt muss man eigentlich gar nicht mehr vor die Tür gehen. Alles kann man sich nach Hause liefern lassen. Macht auch unser Redakteur hin und wieder. Aber inzwischen nimmt die Lieferitis Ausmaße an, die ihm Bauchschmerzen bereiten. KOLUMNE

Immer Ärger mit … Lieferdiensten

©Daisy-Daisy / iStock

Folgendes: Ich sitze mit ein paar Freunden gemütlich auf dem Balkon. Plötzlich sind keine Getränke mehr da, weil ich am Nachmittag verpennt hatte, welche zu besorgen. Und der Kiosk unten an der Ecke hat schon geschlossen.

Alles lässt sich bis zur Haustür liefern

Alles kein Problem, sagt einer in der Runde. Es gibt da diesen neuen Lieferdienst, der bringt Getränke sogar ohne Liefergebühr und innerhalb von zwei Stunden. Bei „ohne Liefergebühr“ zucke ich kurz zusammen. Wie soll das funktionieren? Der Lieferwagen kostet Geld, der Fahrer auch, die Infrastruktur, die Lagerung, der Bestellservice. Da kann eigentlich nur an einer Ecke gespart werden: Am Fahrer. Mangels Alternativen willige ich trotzdem ein – und eine knappe Stunde später sind die Getränke da. Der Fahrer ist jung, sportlich und freundlich, vermutlich ein Student, der sich was dazuverdient. Ich gebe ihm zwei Euro Trinkgeld – etwas mehr als zehn Prozent. Ich frage ihn, ob er den Job gerne macht. „Och ja, ist schon ok, etwas stressig“, sagt er. Und hastet die Treppen runter, der nächste Kunde wartet.

Zwei Stunden später bekommen wir Hunger. Die Sonne ist untergegangen, vom Balkon blicken wir auf die Lichter der Stadt und unterhalten uns darüber, was wir gerne essen würden. Und werden uns nicht einig. Einer hat Lust auf Pizza, der nächste nur auf einen Salat. Wieder einer besteht auf einem Gyrosteller, und zwar von einem ganz bestimmten Imbiss. Der nächste möchte einen Burger, ein anderer ein Steak, und der letzte in der Runde grummelt schon, denn er ist Veganer. Während ich laut darüber sinniere, was wir nun tun sollen (alle haben getrunken, also könnten wir zu Fuß losziehen oder bei zig unterschiedlichen Restaurants etwas bestellen), sagt einer: „Alles klar, Essen kommt in einer halben Stunde.“

Ein Trinkgeld ist Pflicht

Ich blicke ihn verwirrt an. Er zeigt mir sein Smartphone mit der App eines Lieferdienstes und der Liste unserer Bestellungen. Als alle sagten, worauf sie Lust haben, hat er schon die Bestellungen auf den Weg gebracht. Bei einem Lieferservice, der gerade viel Medienaufmerksamkeit bekommt, weil die Fahrradkuriere gegen die Arbeitsbedingungen protestieren. Sie verdienen zwar mehr als den Mindestlohn, müssen aber ihre eigenen Fahrräder nutzen, bekommen keinen Ersatz für den Verschleiß, arbeiten auf Abruf. Wenn niemand bestellt, gibt’s also auch kein Geld. Und so weiter. Man kennt das. Atypische Beschäftigung. Geschäftsmodelle, die nur über Masse und auf dem Rücken der Arbeitnehmer rentabel sind.

Während ich gemütlich auf dem Balkon sitze, mir noch ein Bier aufmache und mit Freunden relaxe, radelt jetzt jemand durch den Stadtverkehr, sammelt bei mehreren Restaurants unser Essen ein und bringt es dann zu uns. Und das zu einem Lohn, der … Sie wissen schon. Indiskutabel. Auch ihm gebe ich später ein ordentliches Trinkgeld und er bedankt sich überschwänglich und meint, Trinkgeld gebe es immer seltener. Ich begreife das nicht. Die Leute sind zu faul, um selbst zu kochen oder sich etwas zu holen. Was ja hin und wieder ok ist. Aber dann dem Menschen, der einem das Essen an die Haustür bringt und dessen Job ziemlich undankbar ist, nichtmal eine kleine Anerkennung zu geben – das kann ich nicht nachvollziehen.

Ich mag diese Geschäftsmodelle nicht. Sie können nur existieren, weil die Arbeitnehmerrechte im Niedriglohnsektor unzureichend kontrolliert und Verstöße kaum sanktioniert werden. Ich möchte so etwas nicht unterstützen. Aber wenn ich es, wie heute, doch einmal tue – dann ist es meine verdammte Pflicht, ein Trinkgeld zu zahlen. Das ist das Mindeste.

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