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Immer Ärger … mit dem Tarifdschungel im Nahverkehr

Die Grünen wünschen sich öffentlichen Nahverkehr für einen Euro am Tag – unser Redakteur wünscht sich einen Ausstieg aus dem irrsinnigen Tarifdschungel. Und Fahrgäste, die sich nicht immer aufführen wie zu Hause... KOLUMNE

Immer Ärger … mit dem Tarifdschungel im Nahverkehr

©bluejayphoto / iStock

Ob eine Fahrt mit Bus, Straßenbahn oder S-Bahn erträglich oder grauenvoll ist, hängt in erster Linie von der Fahrtzeit ab. Vom späten Vormittag bis zum frühen Nachmittag ist es meist ganz ok. Aber frühmorgendlicher Berufsverkehr ist für Masochisten reserviert, nur übertroffen vom späten Freitag- oder Samstagabend – oder auch von Nachmittagen, an denen man erst unterwegs merkt, dass gerade wieder ein Fußballspiel stattfindet…

Das Tarifsystem aus der Hölle

Wenn mich jemand fragt, was ich an meinem Beruf mag und warum ich die Selbständigkeit einem Angestelltendasein vorziehe, kann ich einen ganzen Katalog an Gründen zitieren. Ein sehr zentraler Aspekt: Die freie Zeiteinteilung. Ich entscheide selbst, wann ich mich in die Untiefen des öffentlichen Nahverkehrs begebe. Ein Auto habe ich nicht, nichtmal einen Führerschein. Wozu auch? Im Notfall nehme ich eben ein Taxi.

Aber es gibt etwas, das noch schlimmer ist als besoffene oder ungewaschene oder ungehobelte oder auf sonst eine Art unerträgliche Mitreisende: Das Tarifsystem. Ich meine – wer zum Teufel denkt sich sowas aus? Schon in meiner Heimatstadt blicke ich kaum durch. Ich will zu einer bestimmten Haltestelle fahren. Aber am Ticketautomaten kann ich nur Tarifzonen eingeben. Woher zum Geier soll ich wissen, in welcher Tarifzone sich mein Ziel befindet? Und warum sollte ich wertvolle Lebenszeit damit verschwenden, es herauszufinden? Zumal es mir auch nichts bringen würde. Denn sobald ich in einer anderen Stadt bin müsste ich wieder bei Null anfangen, da dort ein anderes Tarifsystem herrscht. Und wenn ich schon deppert darüber werde, was sollen dann Touristen machen?

In der Regel gehe ich den Weg des geringsten Widerstands und kaufe einfach ein Tagesticket. Dann muss ich mir im Laufe des Tages keine weiteren Gedanken machen. Und wenn ich nur ein, zweimal fahre, habe ich den örtlichen Verkehrsbetrieben wieder deutlich zuviel Geld in den Rachen geworfen. Wobei – eine Kurzstrecke (maximal zwei Haltestellen) kostet schon fast zwei Euro. Ich ahne, wie sich Armutsrentner und Geringverdiener fühlen müssen – und frage mich, ob der ältere Herr, der gerade vor meiner Nase in einem Mülleimer wühlt, heute noch genug Pfand für eine Kurzstrecke zusammenbekommt…

Im Ausland funktioniert es besser…

Neidisch blicke ich ins Ausland. Türkei, England, Tschechien – überall ist der öffentliche Nahverkehr einfacher und sinnvoller organisiert (und das will was heißen, wenn man schon England als Beispiel heranziehen muss…). Da kauft man sich eine kleine Plastikkarte, lädt sie mit Geld auf, und beim Betreten des Bahnhofs wird automatisch der richtige Betrag abgebucht. Simpler und praktischer geht es gar nicht. Niemand muss sich den Kopf darüber zerbröseln, wie er mit dem Ticketautomaten zurande kommt, und das Schwarzfahrer-Problem ist quasi inexistent.

Nun kommt ein Vorstoß in diese Richtung von den Grünen, von Anton Hofreiter, um genau zu sein. Und er schießt meilenweit über das Ziel hinaus. Bundesweite Tagestickets im öffentlichen Nahverkehr für nur einen Euro will er – und ein System, das nicht nur Busse und Bahnen, sondern direkt auch Car- und Bikesharing mit einschließt. Mal abgesehen davon, dass das unfinanzierbar sein dürfte und ein wenig irre klingt, ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Wer weiß, vielleicht sorgen solche Maximalforderungen ja dafür, dass wir irgendwann wenigstens dort landen, wo andere Länder längst sind. Ist ja nicht so, dass es unmöglich wäre…

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