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Immer Ärger … als Verbraucher

Der Verbraucher ist der Dumme. An jeder Ecke wird er über den Tisch gezogen, belogen, für dumm verkauft. Dabei ist er die mächtigste Instanz des Kapitalismus. Er kann boykottieren und damit große Unternehmen in die Knie zwingen. Dieses Mittel sollte er viel öfter nutzen. KOLUMNE

Immer Ärger … als Verbraucher

©Anna Bizon / 123rf

Ich bin Verbraucher. Konsument. Wie wir alle. Ich kaufe Lebensmittel, Kleidung, Dienstleistungen. Ich gebe Geld aus für Bücher, Zeitungen, Konzertkarten. Hin und wieder kaufe ich irgendwelchen überflüssigen Tand, nur weil ich Lust dazu habe. Seien wir ehrlich: 90 Prozent aller Waren- und Dienstleistungskategorien braucht die Welt nicht. Ihr einziger Zweck ist es, Umsatz zu machen. Die meisten von uns machen das Spiel mit, weil sonst unser Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell kollabieren würde.

Der Verbraucher ist der Dumme

Was dabei aber wirklich, wirklich ärgerlich ist: Wir werden andauernd über den Tisch gezogen. Es gibt keine Ehrlichkeit mehr in der Geschäftswelt. Es gibt fast kein einziges Unternehmen, dem man wirklich reinen Gewissens sein Geld überlassen kann. Und das sagt viel aus über uns alle – viel Gutes ist nicht dabei. Meine persönliche Boykottliste wird ständig länger. Es gibt Unternehmen, denen ich einfach keinen Cent mehr geben kann, wenn ich noch in den Spiegel schauen will. Nestlé steht da ganz weit oben. Oder Textilhersteller, die in Bangladesch produzieren lassen. Unternehmen, die in der Rüstungsindustrie unterwegs sind. Wiesenhof geht auch gar nicht.

Es wird jeden Tag schwieriger, im Supermarkt eine Auswahl zu treffen, die halbwegs sozialverträglich ist. Und wenn wir schon dabei sind: Welcher Supermarkt existiert noch, der nicht zumindest in bestimmten Bereichen auf Dumpinglöhne und miese Arbeitsbedingungen setzt? Welches Großunternehmen ist noch nicht in die Schlagzeilen geraten, weil es die Verantwortung für Arbeitnehmer-Ausbeutung auf Subunternehmen abwälzt, denen es nur so wenig zahlt, dass gute Arbeitsbedingungen kaum realisierbar sind?

Schluss mit den Lügen!

Was ich richtig satt habe, sind die Worthülsen und Lügen, die diese Unternehmen von sich geben, sobald sie mit Kritik konfrontiert werden. Und weshalb sind die Dementis und Rechtfertigungen meist so halbgar, durchschaubar, lasch? Weil es kaum jemanden interessiert. Tierquälerei? Einstürzende Fabriken in Drittweltländern? Kartellbildungen? Die Leute regen sich fünf Minuten lang auf und kaufen aus purer Bequemlichkeit dann doch wieder das Gewohnte ein.

Das fängt im ganz Kleinen schon an. Verpackungsgrößen werden verändert. Es ist weniger drin, aber der Preis bleibt gleich. Beliebtes Argument der Hersteller: Die Kunden wünschen kleinere Packungen, das hat unsere Marktforschung ergeben. Ernsthaft, Freunde? So billig verkauft ihr euch? Seid doch wenigstens ehrlich. Sagt: Klar setzen wir darauf, dass der dumme Kunde nicht nachrechnet und denselben Preis für weniger Inhalt zahlt. So geht Rendite. – Alles andere glaubt euch doch ohnehin niemand mehr. Zeigt mal Eier, verdammt. Um die Schleimspur eurer Marketing-Abteilungen beneiden euch Generationen von Weinbergschnecken!

Boykottiert sie!

Es mag legal sein, aber auf meiner subjektiven Moralskala sind Menschen, die andere Menschen ausbeuten, Tiere quälen, ihr Kapital auf dem Rücken der Schwachen machen, schlicht Kriminelle. Die Verpackungsverkleinerer und Inhaltsangabenfrisierer sind nicht unbedingt kriminell. Aber Arschlöcher.

Ich habe ein Mittel gegen solche Leute: Ich boykottiere sie. Das ist nicht einfach. Es gibt einfach zu viele von ihnen. Aber ich gebe mir Mühe. Das Problem ist: Die lachen sich tot über mich. Ein Kunde weniger, das taucht in den Bilanzen nicht auf. Deswegen müssen es mehr werden. Der Verbraucher ist mächtig, er sollte diese Macht nutzen. Ein Unternehmen, das nachweislich und mehrfach Grenzen überschreitet, sollte seine Kunden verlieren. Es braucht dazu gar nicht viel. Ein paar Wochen Totalboykott zwingen schon manchen Großkonzern in die Knie. Und bringen ihn im besten Fall dazu, umzudenken. Und wenn nicht – ist er halt weg. Pleite. Ende. Das ist in solchen Fällen kein Verlust.

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