Finanzen

Armutsreport Deutschland: Die Armut eines reichen Landes

Die Daten des aktuellen Armutsberichts des paritätischen Wohlfahrtsverbands sind erschreckend. Wie der Verband in einer Pressemitteilung am gestrigen Donnerstag mitteilte, befindet sich die Armut in Deutschland auf einem historischen Höchststand.

Allen Reformen zum Trotz: Die Kinderarmut ist in Deutschland weiterhin erschreckend hoch.

Innerhalb eines einzigen Jahres ist die Armut in Deutschland sprunghaft angestiegen (von 15 % im Jahr 2012 auf 15,5 % im Jahr 2013). Fast jeder sechste Bundesbürger lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze.

Die zerklüftete Republik

Und der Bericht zeigt, dass innerhalb von Deutschland große regionale Unterschiede bestehen. Besonders betroffen sind nach wie vor Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Und auch das einst so wirtschaftsstarke Ruhrgebiet wird immer schwächer, ebenso hat sich inzwischen der Großraum Köln/Düsseldorf zu den Sorgenkindern hinzugesellt.

Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute. Deutschland ist eine tief zerklüftete Republik. (Schneider)

Der Armutsbericht fragt auch nach besonderen Risikogruppen innerhalb der Bevölkerung und das Ergebnis darf kaum verwundern. Allen voran sind es die Erwerbslosen, die mit Armut zu kämpfen haben (59 %). Aber auch Alleinerziehenden droht ein hohes Armutsrisiko (43 %).

Und dann sind da noch die Rentner, die zielstrebig in Richtung Risikogruppe steuern. In keiner anderen Bevölkerungsgruppe hat es in den letzten Jahren einen so massiven Anstieg in der Armutsquote gegeben; seit 2006 ist diese Quote um 48 % in die Höhe geschnellt. Laut Ulrich Schneider, dem Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes vollzieht sich hier derzeit ein „armutspolitischen Erdrutsch“.

Das Paradoxon des reichen Staates

Wer aber gilt eigentlich als arm? Nach der Definition der EU sind all diejenigen von Armut betroffen, die über weniger als 60 % des mittleren gesellschaftlichen Einkommens verfügen. Die errechnete Armutsschwelle für das Jahr 2013 lag damit unter 892, – € im Monat für Einpersonenhaushalte und unter 1.872, – € im Monat für eine Familie mit zwei Kindern. Es muss allerdings beachtet werden, dass diese Schwelle gleichermaßen mit den jährlich steigenden Haushaltseinkommen nach oben geht. Inzwischen liegt sie deutlich höher, denn selbst unter Berücksichtigung der Inflation sind die Gehälter der Deutschen derzeit auf dem höchsten Stand seit 2000, wie die Frankfurter Allgemeine berichtet.

Wieder einmal wird durch den Armutsbericht auch deutlich, dass sich die Einkommensschere in Deutschland mitnichten schließt. Tatsächlich hat sich der Unterschied in den letzten Jahren stetig vergrößert.

Und angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland, darf man ob dieser Entwicklung stutzen. Deutschland ist ein reiches Land mit einem durchschnittlichen Einkommen über 30.000, – € pro Jahr und Einwohner. Wieso also muss ein so großer Teil der Menschen hier unterhalb der Armutsgrenze leben? Die Antwort ist so simpel wie ernüchternd: Die Verteilung ist ungleich. Rund 53 % des Vermögens gehören den obersten 10 % der Reichen, während 8 % der Bevölkerung völlig abgehängt sind. Und ja, Deutschland hat eine hohe Beschäftigungsrate, der Haken an der Sache ist nur, dass viele trotz Arbeit arm sind.

Die Regierung muss handeln

„Armut und regionale Ungleichheit sind in erster Linie hausgemacht und das Ergebnis politischer Unterlassung“, prangert Schneider die Bundesregierung an. Um das soziale Ungleichgewicht auszugleichen fordert der Verband von der Bundesregierung das Einleiten entschiedener Maßnahmen. Im Fokus stehen dabei zunächst eine deutliche Erhöhung der Hartz IV Regelsätze sowie Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung. Möglich ist das nur mit einem rigorosem steuerpolitischen Kurswechsel, der die großen Vermögen und Einkommen noch stärker zur Finanzierung des Sozialstaates heranzieht.

Die wichtigsten Daten im Überblick

Armutsquote Deutschland 15,5 % bzw. 12,5 Millionen Menschen
Anstieg der Armutsquote

Nahezu flächendeckend:

– deutlicher Zuwachs der Armut in 13 von 16 Bundesländern

– überproportionaler Zuwachs in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern

– Rückgang in Sachsen und Brandenburg, gleichbleibend in Sachsen-Anhalt

Neue Problemregion

Großraum Köln / Düsseldorf

 

Regionale Verteilung der Armut Deutliches Ungleichgewicht. Der Abstand zwischen den am wenigsten und den am meisten betroffenen Regionen lag 2006 bei 17,8, im Jahr 2013 bereits bei 24,8 Prozentpunkten
Risikogruppen Arbeitslose (59 %), Alleinerziehende (43 %)
Kinderarmut

Weiterhin auf hohem Niveau

– Minderjährige: 19,2 % (der höchste Wert seit 2006)

– Unter-15-Jährige: 15,5 % (erstmalig wieder ein Anstieg nach mehreren Jahren mit absteigender Tendenz)

Altersarmut Überproportionaler Anstieg auf 15,2 %

 

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Leserkommentare
19. März 2015 06:44 Uhr
Studienkredit – das Studium auf Pump

[…] nicht übersehen werden sollte die Gefahr der Verschuldung. Für viele Angebote gibt es keine Obergrenze und besonders junge Leute, die gerade aus dem […]

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