Arbeitszeitreport 2016: Überstunden sind ungesund
Fünf Überstunden wöchentlich absolvieren deutsche Arbeitnehmer im Durchschnitt – und das hat gesundheitliche Auswirkungen. Das geht aus dem Arbeitszeitreport 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) hervor. Der Report untersucht im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums den Wandel der Arbeitszeiten abhängig Beschäftigter.
von Gerrit Wustmann
© Michail Panagiotidis / 123rf

Die Arbeitswelt wandelt sich. Atypische Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu. Es wird Einsatz und Flexibilität verlangt. Aber auch neue Modelle wie das Arbeiten im Home Office werden ausprobiert, neben Experimenten mit Shared Office Spaces. Im Zentrum der Diskussionen steht oft die Frage nach der Work-Life-Balance. Für diese ist nicht nur der Einsatzort entscheidend, sondern auch die Arbeitszeit.

Durchschnittlich 5 Überstunden pro Woche

Für den Report befragte die baua im vergangenen Jahr 20.000 Erwerbstätige in einer telefonischen Umfrage. Dabei kam heraus, dass Vollzeitbeschäftigte im Schnitt mehr als 43 Stunden pro Woche arbeiten – obwohl vertraglich durchschnittlich nur 38,6 Stunden vereinbart sind. Das heißt im Klartext: Die deutschen Arbeitnehmer häufen wöchentlich fünf Überstunden an. Eine pro Arbeitstag. Aufs Jahr gerechnet macht das weit über 200 Überstunden pro Beschäftigtem. Was eine bereits etwas ältere Theorie beweist: Würden Überstunden stärker reglementiert, könnten Millionen neue Jobs geschaffen werden.

„Die im Durchschnitt längsten Arbeitszeiten existieren in der Industrie und im Handwerk, was unter anderem mit der nur wenig verbreiteten Teilzeitarbeit in diesen Bereichen zu erklären ist“, heißt es im Report. Interessant ist vor allem ein Ergebnis: „Bereits ab 2 Überstunden werden deutlich häufiger gesundheitliche Beschwerden genannt und mit steigender Überstundenzahl nehmen insbesondere körperliche Erschöpfung und Schlafstörungen zu.“ Auch alarmierend: Wer länger arbeitet lässt öfter seine Pausen ausfallen – eine Kombination, die arbeitsrechtlich unzulässig ist.

Mangelnde Flexibilität in kleinen Unternehmen

Fast die Hälfte (43%) der Beschäftigten arbeiten mindestens einmal pro Monat am Wochenende, also auch an Sonn- und Feiertagen. Dominierend ist aber trotz aller Entwicklungen das klassische Arbeitszeitmodell. Demnach arbeiten 80% aller Befragten wochentags zwischen 7 und 19 Uhr. „Arbeit außerhalb dieser Zeiten geht tendenziell mit schlechterer Gesundheit und Unzufriedenheit einher.“ Und auch Arbeit in wechselnden Schichten erhöht die gesundheitlichen Risiken. Ebenso wie Arbeit auf Abruf, von der rund 7% der Beschäftigten betroffen sind.

Unter mangelnder Flexibilität leiden vor allem Mitarbeiter kleiner Unternehmen. Je größer ein Unternehmen, desto eher haben die Mitarbeiter Einfluss auf ihre Arbeits- und Freizeiten. Dennoch gab knapp die Hälfte der Befragten in Vollzeit an, ihre Arbeitszeit gerne reduzieren zu wollen. Das widerspricht der bisher verbreiteten Behauptung widerspricht, Arbeitnehmer würden gerne mehr arbeiten. Dieser Wunsch findet sich überwiegend nur bei Teilzeit-Beschäftigten, die dafür monetäre Gründe angeben. Heißt: Sie kommen mit ihrem Lohn nicht aus.

Fast ein Viertel der Arbeitnehmer (22%) muss dem Unternehmen auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten zur Verfügung stehen. Überraschenderweise kommt das vor allem in kleineren Betrieben vor.

Die Arbeitszeit „so zu gestalten, dass es dem Erhalt der Gesundheit und Zufriedenheit von Beschäftigten dient, ist eine Aufgabe, der sich die Arbeitswelt schon jetzt und noch stärker in den nächsten Jahren stellen muss“, schließt der Report in seinem Fazit. Die Erhebung soll fortan alle sechs Jahre stattfinden und über Fortschritte und Entwicklungen berichten.

von Gerrit Wustmann
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